Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Betriebsrats. In Deutschland sind bereits drei Betriebsräte bei Apple Retail gegründet, in Frankreich sind arbeitnehmerrechtliche Vertretungen in Planung, in Italien wurde sogar schon gestreikt. Noch ist nicht absehbar, wie die die Reste ihres Wohlfahrtsstaats preisenden Schweden auf die in Apple Country herrschende Peitsche reagieren werden. Doch sogar in Großbritannien, diesem Land, dem Margaret Thatcher einst die Arbeitnehmerrechte nahm, blickt man mit Spannung auf den Kontinent. Nur von den krisengeschüttelten Spaniern ist noch nichts zu hören – sie sind bei einer Arbeitslosenrate von über 20% vermutlich froh, überhaupt einen Job zu haben, (leider) egal zu welchen Konditionen. Selbst im Mutterland des Personal Computers gibt es einige Wenige, die aller Wahrscheinlichkeit nach täglich mit ihrer Kündigung bei Apple Retail rechnen müssen, welche sich um Cory Moll und seine Idee einer Apple Workers Union für die USA scharen.
Es brodelt bei Apple Retail, im sogenannten Alten Europa sogar ganz gewaltig. Es gibt eine Würde des Arbeitnehmers, in den beiden letzten Jahrhunderten erkämpft, die sich selbst konservativ orientierte Kollegen nicht mehr nehmen lassen wollen. Niemand zieht mit roten Fahnen durch den Apple Store, das wäre wohl eine zu kuriose Vorstellung, aber es gibt einen Konsens an Gerechtigkeit bei der Belegschaft, der bei Apple Retail immer wieder auf die Probe gestellt wird.
Ein einfaches Beispiel zu Beginn: in den Arbeitsverträgen bei Apple Retail muss das Verbot unterschrieben werden, offen über den eigenen Lohn zu sprechen. Dieser Artikel des Vertrags wird selbstverständlich durch deutsches Recht gebrochen, da es in diesem Land einem jeden freigestellt ist, dem Friseur, dem Pudel von nebenan oder sogar dem eigenen Chef zu erzählen, dass man soundsoviel Euro im Monat verdiene. Dennoch ermahnen die Manager diejenigen immer wieder, die über ihr Gehalt sprechen, sie dürften dies nicht tun, obwohl diese es doch selbst besser wissen. Dies ist der einfach nachzuvollziehende Unterschied zwischen dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und Apple Country: draußen ist die BRD, inside, innerhalb der Mauern des Apple Stores, herrscht das Apple-Gesetz – und das lässt sich kein Manager nehmen. Ich weiß nicht, ob das Ignorieren von Arbeitnehmerrechten ein Hobby oder ein Muss des Managements ist, vermutlich nimmt Apple selbst in diesem Fall keine Rücksicht auf örtliche Gepflogenheiten.
Ein anderes, schwächeres Beispiel, bei dem Apple sich sehr wohl an Gesetze hält, dafür aber nationale wie kulturelle Gepflogenheiten ignoriert: Weihnachtsgeld gibt es nicht, basta, das ist so bei Apple, Urlaubsgeld auch nicht. Doch es gibt auch keine Weihnachtsfeier. Diese, so die Begründung, sei kulturell örtlich fundiert, und da Apple ein weltweites Unternehmen sei, gäbe es keinen Grund, lokal fundierte Feste zu feiern. Deshalb wird die Weihnachtsfeier in den Apple Stores von Angestellten organisiert, jeder muss selber zahlen, das Management macht trotzdem mit. Nur seltsam, dass dann zur Weihnachtszeit rote T-Shirts anstatt der blauen getragen werden, dass auch spezielle Aktionen zu lokalen Festtagen in den Apple Stores in Asien stattfinden, dass die US-amerikanische Tradition des Black Friday mit einmaligen, eintägigen Rabatten in allen Apple Stores zelebriert wird.
Man mag über die Bayern denken, was mal will, aber dass nicht einmal ein gemeinsamer Besuch des Oktoberfests durch Apple Retail unterstützt wird, dies versteht man in München ganz und gar nicht. Denn dies ist für jede in München ansässige Firma Pflicht. Auch dieses gemeinsame Event – inklusive des Managements, bei Apple sind ja alle einander zwangsweiße Freunde – wird von der Unterschicht des Apple Store Rosenstraße getragen.
Und so kommt es gerade in München immer wieder zu eifersüchtigen Blicken in Richtung der Münchner Arnulfstraße, wo die deutsche Zentrale der eigentlichen Firma Apple, genannt: Apple Corporate, ansässig ist. Dort herrscht Vernunft, in dieser eigentlichen Firma Apple, hier gibt es selbstverständlich einen Betriebsrat, das Oktoberfest ist eine feste Größe, zu der auch viele Apple Reseller eingeladen werden, das monatliche beer bash, eine US-amerikanische Tradition: es gibt einmal im Monat Freibier, auf dass sich die Angestellten untereinander besser kennenlernen, wird dort selbstverständlich gepflegt, Weihnachtsfeier inklusive.
Viele haben es versucht, bei Apple Corporate anzuheuern, da dieser Teil der Firma so gar nichts mit Apple Retail zu tun zu haben scheint, dort die Menschen gut miteinander umgehen. Aber leider gelingt es beinahe niemandem. Es scheint, als hätten Apple Retail-Angestellte einen schlechten Geruch, eine Prägung durch den bösen Teil Apples, den man dort nicht haben möchte.
Was nun aber mit den Menschen, die viel Schlimmeres als nur unsinnige Verbote oder die Verweigerung von Stammesriten erlebt haben? Sie reden nur selten darüber, sie wissen warum. Den Kollegen, dem Apple die Krankheitskosten nicht zahlen möchte, habe ich bereits erwähnt. Auch die Geschichte von demjenigen, der dazu gezwungen wurde, Wasser zu trinken, ist in diesem Blog bereits erzählt worden.
So ist zum Beispiel das Festhalten von Mitarbeitern, weit über die Arbeitszeit hinaus, ein gern gepflegtes, sehr ernstes Spiel der Manager. Dies war in Dresden passiert: eine Managerin hat mehrere Kollegen wiederholt festgehalten, da sie mit dem Aussehen der Verkaufsfläche und der Produktwände nicht zufrieden war. Dies ging tagelang, alle beugten sich der absoluten Resolutheit dieser neuen Managerin, die mit ihrer offensichtlich sehr speziellen russischen Sozialisation einige neue Aspekte der Behandlung von Menschen bei Apple einführen wollte. Diese Sessions gingen Stunden über die eigentliche Arbeitszeit hinaus, es wurde nach der Methode Ich-Sehe-Was-Was-Du-Nicht-Siehst gehandelt: die Managerin behauptete, sie hätte einen Fehler gesehen – nun mussten die Kollegen herausfinden, wo und was der Fehler denn nun sei. Irgendwann, nach einigen Tagen und wiederum einigen Stunden, war es den Kollegen schlicht und einfach zu blöd: sie weigerten sich, weiter zu arbeiten und wollten nach Hause, das sie gerade noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen konnten. Die Nutzung eines Taxis, im Notfall, wie es rechtlich vollkommen korrekt ist, war ihnen verboten worden, sie würden das Geld nicht von Apple zurück bekommen. – Auch in Augsburg verbietet man diese notfallmäßige Nutzung eines Taxis, hier müssen die Kollegen dann eben nach Hause laufen, ob es regnet oder schneit, die Stadt sei ja nicht so groß.
Mit Schrecken erinnere ich mich immer wieder an die Vielen, die ich zusammengebrochen oder in Heulkrämpfen am Boden kauernd, erlebt habe: man ließ sie einfach sitzen, wo sie waren. Der Druck war zu groß geworden, der Druck der Arbeit wie der Druck des Managements, sie konnten nicht mehr. Sie hatten sich das angebliche Versagen, das ihnen immer wieder weisgemacht worden war, zu sehr zu Herzen genommen. Sie hatten ihr Bestes gegeben – und es war nie gut genug gewesen. Sie waren gedemütigt worden, zumeist ganz langsam, ganz sanft, von Gespräch zu Gespräch mit dem einen oder dem anderen Manager. Etwas Gutes gab es dabei immer nur ganz kurz zu hören, vielmehr wurde das Problem betont, das man tatsächlich sei, dass die Quoten an verpflichtenden Zusatzprodukten immer noch nicht stimmten, dass die Summe der Verkäufe enttäuschend sei, dass sich andere Leute bereits mehrfach über einen beschwert hätten, ohne dies jemals genauer zu beschreiben.
Wenn es dann gar nicht mehr geht aus der Sicht des Managements, dann werden noch härtere Bandagen angelegt: da wird auch mal frei erfunden, ein Kollege hätte eine Managerin bedroht und angegriffen – hatte der ein Glück, dass er genau im Blickwinkel einer Überwachungskamera stand, die das genaue Gegenteil beweisen konnte. Muss man denn so miteinander umgehen? Wenn es in allen Stores, weltweit, genau gleich zugeht und die Angestellten ausgequetscht werden, bis sie völlig erschöpft den Store irgendwann dann auch endgültig verlassen, kann das denn alles ein Zufall sein?
Nein, es ist selbstverständlich Methode. Alle, die täglich an dem Motto „Das Leben schöner machen.“ vorbeilaufen, erleben dasselbe. Und nur Wenige können sich diesem Regiment willentlich entziehen, sei es nun aus fanatischer Überzeugung, aus Naivität oder da sie sich sowieso nur für ihre eigenen Belange interessieren und die Kollegen ihnen egal sind, alles bei diesen auf die angebliche Karriere gerichtet ist.
So leben wir bei Apple – und sind froh über jeden Tag, der einfach vorübergeht, an dem wir einfach so unsere Arbeit machen konnten, die wir, wir sind ja wie so viele Andere auch Fans der Produkte, so gut machen wollen, wie es nur irgendwie geht. Was soll ich sagen? Wenn die Stimmung in den Teams nicht so gut wäre, dann würden wohl viel mehr Leute eher früher den Apple Store wieder verlassen als später. – Das ist schon kurios, zu welch starken sozialen Bindungen ein gemeinsamer Feind die Menschen führen kann…
Denn wir sind alle der Willkür des Managements ausgesetzt – und das Management sieht es so: es gehören Befehle befolgt, nicht etwa per Vernunft gearbeitet. Deshalb möchte ich Euch dazu aufrufen, einem Motto zu folgen, das mich ebenfalls vor kurzem erreicht hat: ein Kollege, der noch zu DDR-Zeiten aufgewachsen war, sagt es sehr schön: „Die Roten haben mich nicht gekriegt, da werden es die Blauen auch nicht schaffen!“ – gemeint sind natürlich all die leitenden Blauhemdenträger eines Apple Stores, die auf die Ideologie des Steve Jobs eingeschworen wurden. Und dessen Führungsstil, das ist ja hinlänglich bekannt, war nicht gerade besonders nett.
Ursprünglich hatte Apple sogar versucht, etwas gegen die Gründung von Betriebsräten zu machen: intern wurde die Formung von Teams zur angeblichen Verbesserung der Kommunikation zwischen Angestellten und Management angekündigt. Diese waren aber nach zufällig bekannt gewordenen vertraulichen Papieren nur dazu gedacht, Betriebsräte zu verhindern und keinesfalls dazu, etwas tatsächlich in den Apple Stores zu verändern. Ein Manager wird zudem mit dem Satz zitiert, so ein Team verstünde er als einen vom Management kontrollierten Betriebsrat. – Nachdem diese Initiative einer Verhinderung von Betriebsräten gescheitert war, kam es zu verstärkten Kündigungen von Mitarbeitern in vielen Stores, die sich in irgendeiner Weise positiv zu diesem Thema geäußert hatten.
Doch als in den Stores die Kollegen aus der Probezeit heraus waren und auch das Spitzel-System Risse bekam, da auch die ganz schwer Überzeugten Apple-Fanatiker begannen zu zweifeln, wurde es immer schwerer, nicht offen gegen einen Betriebsrat zu opponieren. – Nicht vergessen: bei Apple sind alle Freunde und es gibt immer nur Positives, weshalb eine offen kommunizierte Ablehnung einer Tatsache oder eines Vorhabens durch das Management niemals in Frage käme…
Deshalb begann man umzuschwenken und den Betriebsrat mit offenen Armen zu begrüßen: das Management wollte gut Freund sein und somit die gewählten Betriebsräte auf ihre Seite ziehen. Doch die Betriebsräte waren nicht so dumm, dieses Manöver nicht zu durchschauen. Sie wussten sehr wohl, dass in der Hand hinter dem Rücken des Managements ein Messer versteckt war. – Und so geschah es, dass alle Manager, die in irgendeiner Weise mit Betriebsräten zu tun haben, immer alles ganz super finden und die tolle Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat loben. Und so geschah es, dass alle, die irgendwie mit der Arbeit des Betriebsrats direkt oder indirekt zu tun haben, davon berichten, dass das Management versucht, sie ohne Unterlass nach Strich und Faden zu verarschen.
Und deshalb, eben weil das Management das alles so toll findet, ja, irgendwie ganz toll: redet über Eure Gehälter, redet über all das, was Euch in Euren Arbeitsverträgen seltsam vorkommt, redet offen über ungerechte, vielleicht sogar unmenschliche Behandlung. Redet auch darüber, was vom Management mal wieder frei erfunden worden ist, weist diese auf die internen Bestimmungen, die policies und das viel beschworene Credo hin, das den Managern so oft komplett scheißegal ist.
Über die Gründung eines Betriebsrats braucht Ihr Euch eigentlich keine Gedanken machen: das Management scheint mit großem Elan darauf hinzuarbeiten, dass Betriebsräte in den Apple Stores in Deutschland immer schneller umgesetzt werden: in München hat es noch drei Jahre gedauert, bis ein Betriebsrat gegründet worden war, in Frankfurt waren es zwei Jahre, Hamburg ist derzeit Spitzenreiter mit nur einem Jahr Brutzeit an Unzufriedenheit, an der Wut über die Willkür und dem Verzweifeln an der Ignoranz des Managements, die Menschen gut und gerecht zu behandeln, in einem Arbeitsumfeld, das sie verdient haben. – Schauen wir mal, wie schnell die neuesten Stores in Köln und in Stuttgart sein werden, welche Steilvorlage sie den noch nicht eröffneten Stores in Berlin und Hannover anheim geben werden…